Türsteher schweigen vor Gericht

Nach tödlicher Prügelattacke gegen einen Diskothekenbesucher begann gestern das Verfahren

Vor knapp einem Jahr wurde der Besucher einer Diskothek in der Frankfurter Innenstadt zu Tode geprügelt. Seit Mittwoch arbeitet das Landgericht Frankfurt das Verbrechen auf.Frankfurt. Auch wenn die Anklageschrift gleich zweimal hintereinander vorgelesen wurde: Ein irgendwie gearteter Grund, warum der Brite Lee John H. in der Nacht zum Ostermontag vergangenen Jahres in der Techno-Diskothek „U60311“ tatsächlich sterben musste, ergab sich am ersten  Tag des Prozesses gegen drei Türsteher und einen heranwachsenden Kollegen nicht. H. wurde von den drei heute zwischen 30 und 36 Jahre alten Mitangeklagten mit solcher Wucht getreten, dass er zwei Tage später in der Klinik starb. Der vierte Angeklagte (20) hat laut Anklage den bewusstlosen Mann von der Kellerdisco am Roßmarkt auf die Straße geschafft, wo der leblose Mann einfach liegen gelassen wurde.

Großer Auflauf

Der Tatvorwurf der Anklageschriften, die Staatsanwältin Monique Schlapbach und ihr Kollege Daniel Wegerich vortrugen, lautet auf gemeinschaftlichen Totschlag. Zunächst hatte die Staatsanwaltschaft nur gegen die drei Erwachsenen Anklage erhoben und sie bei der Schwurgerichtskammer zur Verhandlung eingereicht. Zwischenzeitlich hatten die Ermittlungen jedoch ergeben, dass auch der 20-jährige möglicherweise mit Tötungsvorsatz gehandelt habe, als er den leblosen Körper mit auf die Straße geschafft hatte. Die gegen ihn getrennt erhobene Anklage wurde mit dem eigentlichen Verfahren zusammengefasst – deshalb verhandelt nun die Jugendstrafkammer des Landgerichts gegen alle vier gemeinsam. Entsprechend groß war der Auflauf gestern Vormittag im Schwurgerichtsaal, in dem neben den Angeklagten und ihren Verteidigern auch drei Verwandte des Opfers und deren Rechtsanwälte Platz genommen hatten. Die vier Angeklagten fallen bereits äußerlich auf. Einer der Männer ist von oben bis unten tätowiert, sogar eine Gesichtshälfte ist mit diversen Darstellungen überzogen. Ein anderer Angeklagter ist laut Anklage ein „erfahrener Boxer“, der eine Auseinandersetzung am Tresen der Diskothek an jedem frühen Morgen mit einem Faustschlag in das Gesicht eines Besuchers beendete. Dieser Mann wurde im Taumeln von dem späteren Opfer aufgefangen, das sich damit in das Visier der brutalen Türsteher brachte. Lee John H. hatte gegen die Gewalttaten der kampferprobten Männer keine Chance. Andere Gäste wurden gehindert, dem Opfer zu helfen.

Plänkeleien

Um derartige Einzelheiten aber ging es am ersten der zehn geplanten Verhandlungstage nicht. Die Verteidigung des 30 Jahre alten Mitangeklagten kritisierte stattdessen die Besetzung der Strafkammer. Eine der ursprünglich eingeteilten Schöffinnen sei zu Unrecht von ihrem Ehrenamt entbunden worden. Ihr Argument, sie müsse als Gymnasiallehrerin für Chemie-Abiturienten für die mündliche Prüfung vorbereiten und könne deshalb nicht einmal die Woche zu Gericht sitzen, sei nicht plausibel, so der Verteidiger. Sein Kollege, der den später hinzugekommenen 20-jährigen vertritt, forderte die Abtrennung des Verfahrens gegen seinen Mandanten. In diesem Zusammenhang kritisierte er die Äußerung eines Abteilungsleiters der Generalstaatsanwaltschaft, der in einer Stellungnahme bei der Haftprüfung von „völlig verrohrten Zeitgenossen aus fremden Kulturen ohne innere Bindung an weltliche Normen und Wertvorstellungen“ gesprochen habe. Die Angehörigen des Toten nahmen dieses Prozessgeplänkel ohne große Regung zur Kenntnis. Sie warten darauf, zu erfahren, warum Lee John H. wirklich sterben musste. Am 13. April wird der Prozess fortgesetzt.

Quelle: dpa, 29.03.2012