Prozess ohne würdigen Rahmen

U60311-Türsteher-Prozess

Frankfurt. Den Prozess gegen die Türsteher des U60311 prägen schwer erträgliche Auftritte: Die Angeklagten zeigen keine Reue, Richter und Anwälte verlieren sich in einem juristischen Nervenkrieg.Fast ein halbes Jahr zog sich der U60311-Prozess hin. Verhandelt wurde der ebenso grausame wie sinnlose Tod eines Menschen. Aber ein würdiger Rahmen für die Verhandlung war das nicht.

Von Anfang an waren Spannungen und Antipathien im Gerichtssaal greifbar. Auf der einen Seite die Angeklagten – vier Türsteher, die einen friedlichen Diskotheken-Gast totgeschlagen hatten. Nicht aus Versehen, nicht im Eifer des Gefechts: Die Verletzungen, denen der junge Mann erlag, hatten nichts gemein mit Verletzungen, die man sich bei einer Kneipenschlägerei holt. Der Brite wurde brutal zu Tode geprügelt. Von Menschen, die so etwas gut können.

Reue? Fehlanzeige. Bis auf Ömer H., dem man abnehmen konnte, dass er die Tat bitter bereute, ergingen sich die Türsteher in Ausflüchten und Verharmlosungen. Sie hätten doch nur ihre Arbeit gemacht – „an der Selektion“, wie der Hauptangeklagte Athanassios G. immer wieder unschön betonte.

Dazu die Anwälte der Angeklagten, die man getrost als erste Riege der Frankfurter Strafverteidiger bezeichnen kann und die auf der juristischen Klaviatur in die Vollen griffen. Sie erledigten ihren Job gewohnt souverän, doch gegen Ende wurde die Flut ihrer Anträge, unter denen sich durchaus etliche sinnvolle befanden, zum festgefahrenen Ritual: Die Verteidigung beantragt, das Gericht lehnt ab. Das hatte zur Folge, dass eine Verhandlungspause die nächste jagte.

Der Vorsitzende Richter Ulrich Erlbruch machte auf der anderen Seite wohl den Fehler, den juristischen Nervenkrieg zu persönlich zu nehmen. Vor allem gegen Ende wurde es laut. Zu laut, zu oft.

Name des Bruders auf den Hals tätowiert

Die Anwesenheit der Nebenkläger trug ebenfalls nicht dazu bei, die Atmosphäre zu entspannen. Allzu penetrant trugen die Mutter und der Bruder des Opfers ihre Trauer zur Schau. Der Bruder des Getöteten hat sich dessen Namen auf den Hals tätowieren lassen. Er trug zur Urteilsverkündung ein T-Shirt, auf das er „Justice 4 H“ geschrieben hatte, etliche andere Unterschriften auf dem Hemd untermauerten diese Forderung. Die Mutter hantierte mit Fotos ihres totgeschlagenen Ältesten, reckte sie Ömer H. entgegen, wenn der mal wieder zu einer Entschuldigung ansetzte. Dass ein englisches Kamerateam, das offensichtlich Exklusivrechte an der Geschichte gekauft hatte, die Hinterbliebenen auf Schritt und Tritt begleitete und immer ganz nah dran war, wenn es nach Einschalten der Kamera ganz spontan zu sehr emotionalen Gemütsausbrechungen kam, das machte die Sache nicht besser.

Natürlich ist es auch schwer zu ertragen, sich von examinierten Juristen stets aufs Neue anhören zu müssen, dass die Prügel, die der Mandant dem Opfer verpasst hatte, „das Todesgeschehen nicht maßgeblich beeinflusst“ hätten.

Es war ein Prozess, in dem es sich mehr als schwierig gestaltete, Licht ins Dunkel zu bringen und zu klären, wie groß die Schuld der einzelnen Täter jeweils war. Ob das dem Landgericht gelungen ist, darüber mag man geteilter Meinung sein. Unstrittig aber ist, dass der 31 Jahre alte Brite totgeschlagen wurde – ohne jeden Anlass und mit unfassbarer Brutalität, dass man es beim besten Willen nicht als Unfall bezeichnen kann. Und dass zumindest einer der Angeklagten dafür kausal verantwortlich ist, steht außer Frage.

Quelle: Frankfurter Rundschau 12.09.2012