Kirchen-Schütze muss hinter Gitter

Ein Jahr und neun Monate muss der 25 Jahre alte Andreas Rudolf R. aus Betzdorf in Haft, der am 6. Mai mit einer Schreckschusspistole in die Nikolaikirche gegangen war, um – nach eigener Darstellung – Hilfe zu suchen. Die Strafe wurde nicht zur Bewährung ausgesetzt. Er hat „eine ganze Stadt in Atem gehalten“, so Staatsanwalt Markus Rau, der dieses Strafmaß vor dem Schöffengericht beantragt hatte. Die Verteidigung hatte eine Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung gefordert.

Bedrohung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, unerlaubter Waffenbesitz, Sachbeschädigung und andere Vergehen standen auf der langen Liste in der Anklageschrift. Der junge Mann – nicht vorbestraft – war bereits am Vortag aus Betzdorf nach Siegen gekommen, „weil ich wusste, dass es da eine Psychiatrie gibt“. Dort stellte er sich auch in der Notaufnahme vor, wurde aber wegen einer fehlenden Überweisung nicht aufgenommen.

Er sei zwei Tage durch die Stadt gelaufen, habe Menschen um Hilfe gebeten, aber keine erhalten. Die Nacht vor dem Tatsonntag verbrachte er in einer Obdachlosenunterkunft. „Ich hatte meine Kinder verloren, meine Arbeit fast, wir standen vor der Obdachlosigkeit, und meine hochschwangere Lebensgefährtin hat  mich vor die Tür gesetzt“, schilderte er weinend.

„Ich habe ihn gefragt, ob er Gott ist“

Die Kirche sei für ihn die letzte Hoffnung gewesen, nachdem ihm in einer anderen Stadt ein Pfarrer bereits einmal geholfen hatte, ihn in die Psychiatrie zu bringen. Zwei Kirchen seien geschlossen gewesen, die dritte war geöffnet: die Nikolaikirche. Dort traf R. um kurz nach 12 Uhr mittags den Küster an. „Ich habe ihn gefragt, ob er Gott ist und mir helfen kann.“ Der Mann, den er für den Pfarrer hielt, habe ihm aber nur gesagt, er müsse gehen. Diese Zurückweisung sei für ihn zu  viel gewesen. R. zog die Schreckschusswaffe, die er zwei Tage zuvor gekauft hatte, um sich selbst zu töten, und hielt sie dem Mann vor den Kopf. Der 61-jährige behielt einen kühlen Kopf. „Auch noch einer, der Schwierigkeiten macht“, habe er gedacht, sagte der Zeuge, der aus der Kirche eilte, um den Pfarrer zu holen. Um Hilfe habe der Angeklagte aber nicht gebeten. R. habe einen unzufriedenen und verärgerten Eindruck gemacht.

Ein 81-jähriger Passant, der früher als Betreuer gearbeitet hatte, ging in die Kirche, „als der Küster außer Rand und Band an mir vorbeilief“. Der Angeklagte gab einen Schuss ab. Er habe versucht, auf R. einzureden. Der anschließende Polizeieinsatz sei völlig überzogen gewesen, urteilte der 81-Jährige.

Pfarrer Stefan König wollte eigentlich in die Kirche, um mit dem Mann zu reden, wurde aber von seiner Frau daran gehindert. Die Polizei kam mit starken Kräften und riegelte die Oberstadt ab. Es kam zu Schüssen von beiden Seiten und einer Belagerung, bis der Angeklagte am Nachmittag am Altar überwältigt wurde.

Verteidiger Christoph Rühlmann nutzte die Gelegenheit zur Kritik am Zustand einer Gesellschaft, die einen Menschen zwei Tage nach Hilfe rufen lasse, ohne etwas zu unternehmen. R. brauche Hilfe und sei zur Therapie bereit. Er leide an einer schizophrenen Psychose, stehe unter Betreuung.

Die Krankheit ist nicht ursächlich für die Tat, steht in dem im Gutachten von Dr. Michael Mattes. Der Angeklagte habe das dramatische Geschehen in der Oberstadt bewusst inszeniert. Auch von den Drogen, die er genommen haben will, fanden sich keine Spuren. Das Schöffengericht befand ihn daher uneingeschränkt schuldfähig. Aus heutiger Sicht sei die Tat harmloser, als sie zunächst gewirkt habe. Das habe damals aber niemand wissen können.

Der Haftbefehl wurde außer Vollzug gesetzt. Zunächst ist R. also auf freiem Fuß.

Quelle: derwesten.de vom 31.08.2012 – M. Kunz