Drei Jahre Haft für Erndtebrücker Holzbetrüger

Nachdem schon im Vorfeld die Strafhöhen eingegrenzt wurden, gab es am Montag bei den Urteilen im „Wittgensteiner Holzverfahren“ keine großen Überraschungen mehr. Staatsanwalt und Verteidiger forderten übereinstimmende „Hausnummern“, die von der Wirtschaftskammer des Siegener Landgerichts übernommen wurden. Der 32-jährige Mann aus Erndtebrück soll für 44 Fälle des gewerbsmäßigen Betruges drei Jahre und zwei Monate ins Gefängnis.Seine Mutter (61) kam mit 18 Monaten davon, die zur Bewährung ausgesetzt wurden. Nach Ansicht der Kammer hat sie sich in 27 Fällen als Mittäterin schuldig gemacht.

Der Angeklagte hatte von Mitte 2009 bis Ende 2011 große Massen an Holz über das Internet verkauft, das er nicht besaß. Dafür ergaunerte er von gutgläubigen Kunden in ganz Deutschland jeweils den gesamten Kaufpreis oder zumindest die Hälfte als Vorkasse. In einem Fall hatte eine gleichfalls fiktive Lieferung von LCD-Fernsehern nach Holland mit knapp 10 000 Euro den größten Anteil am „Ertrag“ gebracht. Die übrigen Taten bezogen sich meist auf eine Lkw-Ladung Brennholz im Wert von rund 1 500 Euro. Nicht zu billig, aber günstig und die Lieferung inklusive, dieses Angebot sei für viele unwiderstehlich gewesen, fasste die Vorsitzende Richterin Elfriede Dreisbach den Hintergrund des Verfahrens zusammen.

Bis Ende 2009 habe der Angeklagte noch unter dem Namen seiner damals tatsächlich existierenden Holzfirma verkauft, möglicherweise also die Verträge noch im Bewusstsein abgeschlossen, vielleicht doch liefern zu können. 2010 und 2011 hingegen seien nur noch Phantasienamen gebraucht worden. Unter anderem verkaufte er im Namen der „Ludwigschen Rentkammer in Koblenz“ oder täuschte internationale Großunternehmen vor.

Oberbetrüger statt Oberforstinspektor

„Eigentlich habe ich immer auf die Decknamen Kyrill gewartet. Die Menge an Holz, die der Angeklagte verkauft hat, dürfte etwa der entsprechen, die der Sturm bei uns in Wittgenstein umgeworfen hat“, überlegte Staatsanwalt Dr. Henry Roth. Der 32-Jährige habe eine Menge Kreativität und kriminelle Energie in die Taten investiert. Wenn er sich gegenüber den Geschädigten unter anderem als Oberforstinspektor ausgab, „hätte wohl Oberbetrüger besser gepasst“, schob er noch nach.

Damit war Verteidiger Christoph Rühlmann gar nicht einverstanden, der vielmehr auf das strebsame Leben seines Mandanten verwies, der seinen Vater früh verloren habe und daher schnell habe lernen müssen, auf eigenen Füßen zu stehen und hart zu arbeiten. Er habe auch durchaus erfolgreich als Holzhändler gearbeitet und sei nur durch mangelhafte Kenntnisse in Betriebswirtschaft in Schwierigkeiten geraten. Eine bewusste Betrugsabsicht habe es nie gegeben, der Angeklagte habe nur irgendwann versucht, kurzfristig Löcher auf diese Weise zu stopfen. Er habe bemerkt, dass die Kunden mit Vorauszahlungen großzügig seien und sich bei Verzögerungen  erst spät beschwerten und dies in seiner Not ausgenutzt. „Er hat aber in der gleichen Zeit viele Stammkunden auch weiter zu deren Zufriedenheit beliefert“, betonte Rühlmann.

Kunden haben es dem Betrüger mit schnellen Überweisungen leicht gemacht

Dass der Wittgensteiner erst mit fast 30 erstmals straffällig geworden sei, zeige sehr deutlich, dass er kein typischer Betrüger sei. Zudem hätten die Kunden es ihm mit ihren schnellen Überweisungen auch leicht gemacht. Auffällig fand der Anwalt, dass alle Opfer Männer seien. Offenbar gebe es da einen geschlechtsspezifischen Hintergrund: „Fußball, Frauen, Brennholz, das ist für viele Männer offenbar das Wichtigste.“

Der Angeklagte entschuldigte sich im letzten Wort und versprach Wiedergutmachung nach seinen Möglichkeiten. Zunächst einmal muss er aber ins Gefängnis. Zu den drei Monaten und zwei Jahren kommen noch einige Monate aus einer früheren Verurteilung.

Zumindest einer der Geschädigten bekam gestern schon einmal 1 850 Euro zugesprochen. Der Mann aus dem Neckarraum hatte einen Adhäsionsantrag gestellt, der einen Schadensersatz direkt mit dem strafrechtlichen Urteil verbindet. Er wurde am Morgen noch als Zeuge gehört.

Seine Geschichte entsprach der aller anderen Opfer. Er hatte im Internet bestellt, im Voraus gezahlt und weder Holz noch Rückzahlung bekommen. Als er nach seinem Geschäftspartner suchte, stieß er auf ein Tabakgeschäft, dessen Eigentümer gleichen Namens ein halbes Jahr zuvor gestorben war. Die Tochter des Mannes hatte verärgert und erschüttert erzählt, seit einiger Zeit ständig Anrufe in Sachen Holzhandel zu bekommen.

Quelle: derwesten.de vom 16.10.2012, M. Kunz